Gesundheit

Shiitake und Gesundheit: was Studien wirklich zeigen

Im Internet heißt es, Shiitake stärkten das Immunsystem, senkten Cholesterin und schützten vor Krebs. Manches davon ist gut belegt, vieles nur im Reagenzglas oder an Mäusen. Hier ist die ehrliche Einordnung.

WichtigDiese Seite informiert, sie ersetzt keine ärztliche Beratung. Pilze oder Pilzextrakte sind kein Ersatz für eine medizinische Behandlung – auch nicht bei Krebs.

Die Kurzfassung

BehauptungBeweislageFazit
Liefert Kupfer, B-Vitamine und BallaststoffeStarke EvidenzGesichert – Nährwertanalysen
Kann Vitamin D liefern (nach UV-Licht)Starke EvidenzGesichert, aber nur bei belichteten Pilzen
Stärkt das ImmunsystemMittlere EvidenzMessbare Effekte auf Immunzellen, Nutzen im Alltag offen
Schützt vor KrebsMittlere EvidenzPilzesser erkranken seltener – Ursache unklar
Lentinan als Krebs-BegleittherapieStarke EvidenzBelegt für Infusionen bei Magenkrebs – nicht für das Essen
Senkt CholesterinSchwache EvidenzIm Tierversuch ja, in einer Humanstudie nein
Schützt das GehirnSchwache EvidenzErste Hinweise aus Beobachtungsdaten

So lesen Sie die Bewertung: Starke Evidenz = randomisierte Studien oder Meta-Analysen am Menschen. Mittlere Evidenz = kleinere Humanstudien oder Beobachtungsstudien. Schwache Evidenz = Labor- und Tierversuche oder Einzelfälle. Alle Studien im Detail: Studienübersicht.

Lebensmittel oder Extrakt? Ein entscheidender Unterschied

Viele Schlagzeilen werfen drei verschiedene Dinge in einen Topf:

  1. Der Pilz als Lebensmittel – frisch oder getrocknet, gekocht gegessen.
  2. Extrakte und Pulver – als Nahrungsergänzungsmittel verkauft, oft als „Vitalpilz“.
  3. Gereinigte Wirkstoffe – etwa Lentinan, das in Japan und China als Arzneimittel per Infusion gegeben wird.

Ein Ergebnis aus Gruppe 3 lässt sich nicht auf Gruppe 1 übertragen. Wer Lentinan-Infusionen untersucht, sagt nichts darüber, was eine Pilzpfanne bewirkt. Auf dieser Seite steht deshalb immer dabei, worum es geht.

Was steckt im Shiitake?

  • Beta-Glucane, darunter Lentinan: Zuckerketten aus der Zellwand. Sie gelten als Ballaststoffe und können Immunzellen im Darm anregen.
  • Eritadenin: ein für Shiitake typischer Stoff, der im Tierversuch den Cholesterinspiegel senkt.[1]
  • Ergothionein: ein Antioxidans, das der Körper nicht selbst herstellt. Pilze sind die reichste bekannte Nahrungsquelle.[2]
  • Ergosterol: die Vorstufe von Vitamin D₂. Unter UV-Licht wird daraus Vitamin D.
  • Kupfer, Selen, Zink, Kalium, B-Vitamine: 100 g frische Shiitake decken rund 14 % des Kupferbedarfs, getrocknete ein Vielfaches. Details unter Nährwerte.

Immunsystem

Die bekannteste Humanstudie stammt von der University of Florida.[3]52 gesunde Erwachsene aßen vier Wochen lang täglich 5 oder 10 g getrocknete Shiitake – umgerechnet etwa 50 bis 100 g frische Pilze. Danach vermehrten sich zwei Arten von Abwehrzellen im Labortest deutlich stärker: γδ-T-Zellen um 60 %, natürliche Killer-T-Zellen um das Doppelte. Zudem stieg der Antikörper sIgA im Speichel, der die Schleimhäute schützt, und der Entzündungsmarker CRP sank.

Einordnung: Das ist ein ernst zu nehmendes Ergebnis mit einer alltagstauglichen Menge. Aber: Es gab keine Vergleichsgruppe ohne Pilze, die Studie war kurz, und gemessen wurden Laborwerte. Ob Menschen, die Shiitake essen, seltener Erkältungen bekommen, ist nicht untersucht.

Krebs

Lentinan als Begleittherapie

In Japan wird Lentinan seit den 1980er-Jahren zusätzlich zur Chemotherapie eingesetzt – als Infusion. Eine Auswertung von fünf randomisierten Studien mit 650 Patienten mit fortgeschrittenem Magenkrebs ergab: Mit Lentinan lebten die Patienten im Schnitt länger; das Sterberisiko sank um rund 20 %.[4]

Das belegt eine Wirkung des gereinigten, gespritzten Wirkstoffs. Wie viel Lentinan beim Essen den Darm passiert und wirkt, ist unklar.

Pilze in der Ernährung

Eine Meta-Analyse von 17 Beobachtungsstudien fand: Wer am meisten Pilze aß, erkrankte um 34 % seltener an Krebs als Menschen, die kaum Pilze aßen – besonders deutlich bei Brustkrebs.[5]Doch Beobachtungsstudien zeigen Zusammenhänge, keine Ursachen: Pilzliebhaber ernähren sich womöglich insgesamt gesünder. Zudem ging es um Pilze allgemein, nicht speziell um Shiitake.

AHCC

AHCC ist ein Extrakt aus dem Myzel des Shiitake. In zwei kleinen Pilotstudien wurden 8 von 15 Frauen eine hartnäckige HPV-Infektion los – ein Virus, das Gebärmutterhalskrebs auslösen kann.[6]Ohne Kontrollgruppe lässt sich das aber nicht bewerten, denn HPV-Infektionen heilen oft von selbst aus.

Herz und Cholesterin

Im Labor hemmen Bestandteile des Shiitake dasselbe Enzym, an dem auch cholesterinsenkende Statine ansetzen.[7] Bei Ratten und Mäusen senkt Eritadenin den Cholesterinspiegel.[1]

Als Forschende aus Madrid einen Shiitake-Extrakt, der im Labor und an Tieren gewirkt hatte, am Menschen testeten – doppelblind, mit Placebo, acht Wochen lang –, blieben die Blutfette unverändert.[8] Ein Lehrstück: Was im Tierversuch klappt, gelingt am Menschen oft nicht. Für die Herzgesundheit punkten Shiitake vor allem indirekt – als ballaststoffreiche, fettarme Zutat, die Fleisch teilweise ersetzen kann.

Gehirn und Altern

Ergothionein reichert sich im Körper gezielt in Geweben an, die viel oxidativem Stress ausgesetzt sind – auch im Gehirn. In Singapur hatten ältere Menschen, die mehr als zwei Portionen Pilze pro Woche aßen, nur halb so oft eine leichte kognitive Beeinträchtigung wie Menschen, die kaum Pilze aßen.[9]Eine Momentaufnahme – ob die Pilze die Ursache sind, ist offen.

Vitamin D: der Sonnentrick

Pilze bilden – ähnlich wie unsere Haut – unter UV-Licht Vitamin D. Im Dunkeln gezüchtete Shiitake enthalten kaum welches (rund 0,4 µg pro 100 g). Nach UV-Behandlung können es über 10 µg sein, etwa der empfohlene Tagesbedarf.[10] Eine Studie der Uniklinik Freiburg zeigte, dass der Körper dieses Vitamin D genauso gut aufnimmt wie aus Tabletten.[11]

Selbst ausprobierenFrische Shiitake in Scheiben schneiden oder mit den Lamellen nach oben auf ein Blech legen und an einem sonnigen Sommertag ein bis zwei Stunden in die Mittagssonne stellen. Wie viel Vitamin D entsteht, hängt von Jahreszeit, Uhrzeit und Bewölkung ab – im deutschen Winter ist die UV-B-Strahlung zu schwach. Gekaufte Pilze mit dem Hinweis „UV-behandelt“ haben einen zuverlässig höheren Gehalt.

Risiken und Nebenwirkungen

Shiitake-Dermatitis: nie roh essen

Roh oder nur kurz gegart können Shiitake einen auffälligen Hautausschlag auslösen: juckende, rote Striemen, die aussehen, als sei man ausgepeitscht worden. Eine Auswertung von 50 Fällen zeigt: Meist waren rohe Pilze der Auslöser, in 22 % der Fälle zu kurz gegarte.[12] Der Ausschlag verschwindet nach etwa zwei Wochen von selbst. Als Ursache gilt Lentinan, das durch Hitze zerfällt.

Faustregel: Shiitake mindestens 5–10 Minuten bei ausreichender Hitze garen. Keine rohen Shiitake in Salat oder Carpaccio.

Sporenallergie beim Anbau

Wer Shiitake in Innenräumen züchtet, atmet Sporen ein. Bei Menschen, die beruflich damit arbeiten, sind allergische Lungenentzündungen beschrieben.[13] Für Hobbyzüchter gilt: Kulturen gut lüften und Pilze ernten, bevor sich die Hüte vollständig öffnen.

Weitere Hinweise

  • Gicht: Pilze enthalten Purine, getrocknete deutlich mehr als frische. Bei Gicht oder erhöhter Harnsäure in normalen Mengen kein Problem, aber nicht täglich große Portionen getrockneter Pilze.
  • Extrakte und Medikamente: Wechselwirkungen von Pilzextrakten sind kaum erforscht. Wer Immunsuppressiva, Gerinnungshemmer oder eine Krebstherapie erhält, sollte Extrakte nur nach ärztlicher Rücksprache nehmen.
  • Schwangerschaft und Stillzeit: Gegarte Shiitake als Lebensmittel sind unbedenklich. Zu hochdosierten Extrakten fehlen Daten – daher meiden.
  • Werbeversprechen: In der EU ist für Shiitake, Shiitake-Extrakte oder Pilz-Beta-Glucane keine spezifische gesundheitsbezogene Angabe zugelassen. Produkte, die eine Heilwirkung versprechen, verstoßen meist gegen das Recht.

Wie viel ist sinnvoll?

Eine offizielle Empfehlung gibt es nicht. Die Mengen aus der Immunstudie – 5 bis 10 g getrocknet oder etwa 50 bis 100 g frisch pro Tag – sind problemlos in eine normale Ernährung einzubauen. Sinnvoller als ein Extrakt ist der Pilz selbst: als Teil einer abwechslungsreichen, pflanzenbetonten Küche. Wie viel Nährstoffe Ihre Portion liefert, zeigt der Nährwertrechner.

Quellen

  1. Bisen PS, Baghel RK, Sanodiya BS, et al. Lentinus edodes: a macrofungus with pharmacological activities. Curr Med Chem. 2010;17(22):2419–2430. doi:10.2174/092986710791698495 · PubMed
  2. Kalaras MD, Richie JP, Calcagnotto A, Beelman RB. Mushrooms: A rich source of the antioxidants ergothioneine and glutathione. Food Chem. 2017;233:429–433. doi:10.1016/j.foodchem.2017.04.109 · PubMed
  3. Dai X, Stanilka JM, Rowe CA, et al. Consuming Lentinula edodes (Shiitake) Mushrooms Daily Improves Human Immunity: A Randomized Dietary Intervention in Healthy Young Adults. J Am Coll Nutr. 2015;34(6):478–487. doi:10.1080/07315724.2014.950391 · PubMed
  4. Oba K, Kobayashi M, Matsui T, Kodera Y, Sakamoto J. Individual patient based meta-analysis of lentinan for unresectable/recurrent gastric cancer. Anticancer Res. 2009;29(7):2739–2745. PMID 19596954 · PubMed
  5. Ba DM, Ssentongo P, Beelman RB, Muscat J, Gao X, Richie JP. Higher Mushroom Consumption Is Associated with Lower Risk of Cancer: A Systematic Review and Meta-Analysis of Observational Studies. Adv Nutr. 2021;12(5):1691–1704. doi:10.1093/advances/nmab015 · PubMed
  6. Smith JA, Mathew L, Gaikwad A, et al. From Bench to Bedside: Evaluation of AHCC Supplementation to Modulate the Host Immunity to Clear High-Risk Human Papillomavirus Infections. Front Oncol. 2019;9:173. doi:10.3389/fonc.2019.00173 · PubMed
  7. Gil-Ramírez A, Caz V, Smiderle FR, et al. Water-Soluble Compounds from Lentinula edodes Influencing the HMG-CoA Reductase Activity and the Expression of Genes Involved in the Cholesterol Metabolism. J Agric Food Chem. 2016;64(9):1910–1920. doi:10.1021/acs.jafc.5b05571 · PubMed
  8. Morales D, Shetty SA, López-Plaza B, et al. Modulation of human intestinal microbiota in a clinical trial by consumption of a β-D-glucan-enriched extract obtained from Lentinula edodes. Eur J Nutr. 2021;60(6):3249–3265. doi:10.1007/s00394-021-02504-4 · PubMed
  9. Feng L, Cheah IK, Ng MM, et al. The Association between Mushroom Consumption and Mild Cognitive Impairment: A Community-Based Cross-Sectional Study in Singapore. J Alzheimers Dis. 2019;68(1):197–203. doi:10.3233/JAD-180959 · PubMed
  10. Cardwell G, Bornman JF, James AP, Black LJ. A Review of Mushrooms as a Potential Source of Dietary Vitamin D. Nutrients. 2018;10(10):1498. doi:10.3390/nu10101498 · PubMed
  11. Urbain P, Singler F, Ihorst G, Biesalski HK, Bertz H. Bioavailability of vitamin D₂ from UV-B-irradiated button mushrooms in healthy adults deficient in serum 25-hydroxyvitamin D: a randomized controlled trial. Eur J Clin Nutr. 2011;65(8):965–971. doi:10.1038/ejcn.2011.53 · PubMed
  12. Nguyen AH, Gonzaga MI, Lim VM, et al. Clinical features of shiitake dermatitis: a systematic review. Int J Dermatol. 2017;56(6):610–616. doi:10.1111/ijd.13433 · PubMed
  13. Ampere A, Delhaes L, Soots J, et al. Hypersensitivity pneumonitis induced by Shiitake mushroom spores. Med Mycol. 2012;50(6):654–657. doi:10.3109/13693786.2012.658091 · PubMed